2ter Weltkrieg

Die Geschichte von Karlshorst (VI)

 

Karlshorst auf dem Weg durch den II. Weltkrieg

 

Karlshorst war inmitten des Arbeiterbezirks Lichtenberg in den 20er und 30er Jahren kein Ort für politische
Aufrührer. Unter den damals rund 20.000 Einwohnern bildete mit höheren Beamten und Angestellten
ein nationalkonservatives Bürgertum die Mehrheit. Bestätigt wird dies durch den „Karlshorster
Anzeiger“ vom 19. November 1929: „Als stärkster nationaler Ort im Bezirk steht Karlshorst da. Es ist
die Hochburg des nationalen Willens im Berliner Osten. Da nützen keine Fackelumzüge der SPD […]
Die Fenster und Türen bleiben zu, und stolz erfüllt jeder Bürger seine Wahlpflicht zum Besten […]
seines Vaterlandes.“ Doch selbst hier besaßen Sozialdemokraten und Kommunisten Anhänger in den
Laubenkolonien – oft ständiger Wohnsitz finanziell schlechter gestellter Familien – und unter den Bewohnern
der schlichteren Häuser im Norden des Ortsteils. Vor diesem Hintergrund mußten auch die
Nationalsozialisten zu Beginn der 30er Jahre nicht mit großflächigen Protesten rechnen. Doch auch
in Karlshorst gab es Widerstand: der evangelische Pfarrer Martin Voelkel als Anhänger der Bekennenden
Kirche ist neben anderen mehr oder weniger bekannten Karlshorstern verschiedener Überzeugungen
zu nennen.
Unmittelbar hinter der Grenze zu Friedrichsfelde auf dem heutigen Tierparkgelände nutzte ab 1940
die Gestapo ein Sonderbaulager der Reichsbahn als sog. „Arbeits- und Erziehungslager Wuhlheide“.
Dessen acht bis zehn Baracken sollen bis 1945 etwa 10.000 (nach anderen Quellen 30.000) Häftlinge
durchlaufen haben, darunter auch der erste Seelsorger der 1906 errichteten Kuratie Friedrichsfelde-
Karlshorst, Dompropst Bernhard Lichtenberg. Seine Gedenktafel ist am Pfarrhaus der 1935/36
errichteten katholischen Kirche St. Marien in Karlshorst zu finden. Die außer-ordentlich harten Lebens-
und Arbeitsbedingungen kosteten nach unterschiedlichen Angaben bis zu 3.000 Menschen das
Leben. Die Inhaftierten mußten u. a. beim Ausbau der Strecke am Bahnhof Karlshorst arbeiten, wobei
ein Fall von Zivilcourage dokumentiert wurde: Irgendwann zwischen April 1942 und Mai 1943
konnte vom S-Bahnhof Karlshorst aus beobachtet werden, wie ein Bewacher einen jungen Polen
schwer mißhandelte. Auf dem Rückweg ins Lager Wuhlheide begleiteten daraufhin etwa 30 Menschen
das Häftlingskommando quer durch Karlshorst bis zum Lagertor und beschimpften die Bewacher.
Die noch bis zum Tor dabeigebliebenen 8-10 Personen wurden schließlich vom Lagerkommandanten
Elbers vertrieben.
Im Jahr 1942 fiel die erste Bombe auf Karlshorst: Die Bäckerei und Konditorei Bibow in der Auguste-
Viktoria/Prinz-Eitel-Friedrich-Straße (heute Ehrlich-/Üderseestraße) fiel in Schutt und Asche. Diesem
ersten Treffer folgten noch etliche in den kommenden Jahren. Die meisten Schäden erlitten die Häuser
im Prinzenviertel. So wurden am 24. Dezember 1943 auch die „Gründungshäuser“ von Karlshorst
in der Lehndorffstraße zerstört. Viele Schäden sind heute noch an den Lückenbebauungen der
Nachkriegszeit und an den fehlenden Türmen und Aufbauten auf den Häusern in der Umgebung des
Bahnhofs nachvollziehbar. Neben menschlichem Leid und Todesopfern ergab die Bilanz des Krieges
für Karlshorst 168 völlig zerstörte und 806 beschädigte Häuser.
In den 1936-38 errichteten Gebäuden der Festungspionierschule I in der Rheinsteinstraße wurde im
April 1945 der Gefechtsstand I des Verteidigungsabschnittes B eingerichtet, der in diesem Bereich
die sowjetischen Angriffe abwehren sollte. Da sich die deutschen Einheiten jedoch vor dem Zusammentreffen
mit dem weit überlegenen Gegner zurückzogen wurde der Bereich der Schule praktisch
nicht umkämpft und am 23. April unzerstört eingenommen. Der Stab der sowjetischen 5. Stoßarmee
konnte somit die Gebäude nutzen und im Offizierskasino sein Hauptquartier aufschlagen, das zum
Sitz der Sowjetischen Militäradministration und ab 1949 der Sowjetischen Kontrollkommission wurde.
In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 unterzeichnete hier Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel im
Speisesaal des Offizierskasinos die Kapitulationsurkunde, wie es schon einen Tag zuvor im amerikanischen
Hauptquartier im französischen Reims geschehen war.
Noch am 22. April 1945 verschanzten sich einige Wehrmachtsfahrzeuge mit nur noch schwach ausgerüsteter
Besatzung in den Nebenstraßen der Treskowallee. Da es einigen Karlshorstern gelang,
die meisten der Soldaten von der Sinnlosigkeit eines Weiterkämpfens zu überzeugen, blieb dem von
schweren Kriegsschäden verschonten Karlshorst die Zerstörung durch Straßenkämpfe erspart.
Am 4. und 5. Mai 1945 begann die Rote Armee mit der Einrichtung eines Sperrgebietes, wofür etwa
8.000 Karlshorster innerhalb kürzester Zeit ihre Häuser verlassen mußten. Entgegen dem Ehrenwort
des sowjetischen Kommandanten von Karlshorst wurde auch die St. Marienkirche samt Pfarrhaus
besetzt, wobei die Kirche als Viehstall und Kohlenlager, das Pfarrhaus als Kino, Kasino und Gefängnis
herhalten mußten.
Erst 1948 konnten die ersten der ausgesiedelten Karlshorster in ihre Wohnungen zurückkehren.
Jörg H. Ahlfänger, M.A.