Die Rennbahn

Die Geschichte von Karlshorst (I)

 

Der Anfang an der Rennbahn

 

Oft ist man schon die Wandlitzstraße bis zur Lehndorffstraße entlanggegangen, ohne daran zu denken
– oder es überhaupt zu wissen – daß hier der bauliche Ursprung der Siedlung Karlshorst liegt.
Diese Strecke entlang der Bahnlinie ist heute eine ruhige Gegend. Am 28. Mai 1894 aber begann hier
der Bau des ersten Hauses von Karlshorst. Die Wohnhäuser mit den damaligen Anschriften Kaiser-
Wilhelm-Str. 1 bis 3 (ab 1934 Lehndorffstr. 2, 4 und 6) standen jedoch keine fünfzig Jahre. Im Dezember
1943 fielen sie einem Luftangriff zum Opfer. Anderen Quellen zufolge gab es jedoch schon zu
Beginn des 20. Jahrhunderts Neubauten an dieser Stelle.
Hintergrund der Bautätigkeit inmitten von Sand und Wald bildete die Berliner Wohnungsmisere. Konkreter
Anlaß war wohl 1890 der Mord an einem Mitglied der Inneren Mission durch das Ehepaar Heinze,
der in der Berliner Öffentlichkeit heftige Reaktionen hervorrief. Selbst Kaiser Wilhelm II. wurde
durch das Verbrechen auf die schreckliche Wohnungsnot aufmerksam und veranlaßte (unter Druck
geraten), als gutes Beispiel den Bau dreier Häuser für gut beleumdete Arbeiter. Seit 1913 erinnerte
ein inzwischen verschwundener Gedenkstein an den „Ausgangspunkt der Kolonie Karlshorst“.
Um es nicht dabei zu belassen, bildete sich im Frühjahr 1893 unter Kammerpräsident Dr. Otto von
Hentig die Baugesellschaft „Eigenheim“, in deren Auftrag der Baumeister Oscar Gregorovius für
610.000 Reichsmark ein Gelände von 600.000 m² aus der Gemarkung Friedrichsfelde erwarb. Noch
existierte kein Bebauungsplan für dieses Gebiet, darum wurde beim Landratsamt des Kreises Niederbarnim
ein Antrag auf Erteilung des „Koloniekonsenses“ gestellt. Die Genehmigung erteilte am 25. Mai
1895 der zuständige Landrat Wilhelm von Waldow und legte damit offiziell das Geburtsdatum von
Karlshorst fest.
Wer die ersten Karlshorster waren – also die Bewohner der erwähnten Häuser – ist aus dem Berliner
Adreßbuch von 1900 bekannt: „Hempt, W. Wächter… Ulrich, C. Eisenbahnarbeiter… Mohnke, F. Eisenbahnarbeiter“.
Schon die nächsten Bewohner der Kaiser-Wilhelm-Straße waren aber einige der
adligen Gründer und den ersten Bauten folgten Villen. Die Lage der Baustelle Karlshorst bot sich nicht
zuletzt wegen der verkehrsgünstigen Lage an der Vorortstrecke Berlin – Fürstenwalde der Niederschlesisch-
Märkischen Eisenbahn an. Vor dem uns bekannten Bahnhof befand sich an der Strecke
westlich der Treskowallee der am 9. Mai 1894 als Kopfbahnhof eröffnete Rennbahnhof Karlshorst.
Gut geplant war dieser Termin, denn an eben diesem Tag fand das erste Rennen auf der neugestalteten
Bahn des Vereins für Hindernisrennen statt – der damals größten Hindernisbahn Deutschlands.
Schon zuvor ging es seit dem 24. Juni 1862 über die 26 Hindernisse der Vorgängerbahn auf der Jagd
nach dem Ehrenpreis des Königs. Als nach fünf Jahren das Rennen verlegt wurde, drohte das Aus für
die Karlshorster Bahn. Doch 1892, als man sich nicht über den Pachtvertrag für die Charlottenburger
Rennbahn einigen konnte, war Carlshorst (damals noch mit „C“) die Rettung. Für 500.000 RM wechselte
das Gelände am 3. April den Besitzer und nach großen Vorbildern entstand eine glanzvolle Anlage,
die ihre Premiere gleichzeitig mit dem Rennbahnhof 1894 erlebte.

Jörg H. Ahlfänger, M.A.