Schule Teil 1

Die Geschichte von Karlshorst (IV)

 

In Karlshorst zur Schule gehen… (1. Teil)

 

Die Gründungszeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert sah Karlshorst noch nicht von Berlin
umgeben, sondern als Ort, der seine Selbständigkeit sichern wollte. Dazu gehörte auch eine vernünftige
Schulversorgung für die Kinder Karlshorsts, was ohne eigene Schule einen sieben bis acht Kilometer
langen Fußmarsch entlang der damals noch einfachen Treskowallee bis zur nächsten Schule in
Friedrichsfelde bedeutete. Am 11. Juni 1897 eröffnete daher eine einklassige Schule für 29 Kinder im
unteren Raum eines kleinen Gartenhauses in der Auguste-Viktoria-Straße 15 (seit 1951 Ehrlichstraße)
unter dem Lehrer Paul Koeppler aus Zeestow, Kreis Osthavelland. Ein Schulraum war gefunden, doch
kein Sportplatz; der Turnunterricht entfiel deshalb. Am mangelnden Interesse der Karlshorster wird es
nicht gelegen haben, wie wiederholte Kinderfeste, Stiftung von Büchern und Geschenke von Lehrmitteln
zeigten.
Schon im Frühjahr 1898 wurde der Raum für die inzwischen 85 Kinder zu eng.
Zunächst stellte die Übergabe des (schon 1895 im Koloniekonsens vorgesehenen) neuen Schulhauses
auf einem Grundstück in Gundelfingerstr. 10-11 (damals zur Treskowallee 70 gerechnet) am
29.9.1899 eine Lösung dar. Das Grundstück war ein Geschenk des Rittergutsbesitzers von Treskow
an die Gemeinde. Vier Klassenräume, eine Lehrerwohnung und eine weitere für den „Schuldiener“
reichten jedoch nicht lange. Schon Ende 1901 gab es 300 Schüler in fünf Klassen mit vier Lehrern;
1909 waren es bereits 687 Kinder und 13 Lehrer und 1910 sogar 800 Schüler!
Infolge dieser enormen Zuwächse mußte das Gebäude im Lauf der Jahre mehrfach erweitert werden;
jedes neu fertiggestellte Klassenzimmer wurde sofort bezogen. Nach Bauende 1907 gab es zehn
Klassenräume, eine Turnhalle und ein Aborthaus. Nach einer Zählung aus dieser Zeit lernten hier 312
Schüler und 369 Schülerinnen. Von diesen Kindern waren 36 kurzsichtig, elf schwerhörig und zwei
schwachsinnig…
Die Enge bestand weiter, bis am 6.10.1910 ein weiteres Schulhaus mit sieben Klassen für je 96 Knaben
und Mädchen in der Auguste-Viktoria-Str. 35 bezogen wurde. Ein Novum für die Zeit war gemeinsamer
Unterricht für Jungen und Mädchen, falls deren Anzahl nicht ausreichte, um Parallelklassen zu
füllen. Der Schulleiter bis 1915 war übrigens der inzwischen zum Hauptlehrer aufgestiegene bereits
erwähnte Paul Koeppler aus der ersten Karlshorster Schule.
Die erste Privatschule im Ort war die von Fräulein Meta Horter am 12.4.1904 gegründete, in der 54
Kinder in vier Klassen auf den Besuch höherer Schulen vorbereitet wurden. Zunächst in der Dönhoffstr.
9 untergebracht, zog diese Schule am 1.4.1909 in die Villa Wildensteiner Str. 7. Aber auch die
Privatschule wuchs bald über die anfängliche Schülerzahl hinaus, denn immer mehr Menschen zogen
nach Karlshorst. Darum wurden ab Oktober 1910 fünf Klassen in der Volksschule Auguste-Viktoria-
Str. 35 untergebracht.
Am 1.4.1912 übernahm die Gemeinde die Schule von Fräulein Horter und schuf so eine Vorschule für
69 Knaben, ein Lyzeum für 221 Mädchen und ein Realgymnasium mit 93 Schülern. Alle diese Schülerinnen
und Schüler wurden schließlich in der Volksschule in Auguste-Viktoria-Str. 35 untergebracht.
Die Lösung war nur eine kurzzeitige, denn das unerwartete Ansteigen der Schülerzahlen in den Folgejahren
führte erneut zu einer Raumknappheit. Sieben Klassen mussten schließlich in die Wildensteiner
Str. 7 umziehen, der Zeichen- und Gesangsunterricht der Mädchen fand in der Aula der Volksschule
statt und der winterliche Turnunterricht im „Fürstenhaus“, was zu Störungen des Unterrichts
durch längere Wege in den Pausen führte.
Jörg H. Ahlfänger, M.A.